Nachrichtenarchiv
Rosenbauer Simba 8x8-HRET
St. Florian für Flieger
Wenn auf einer der drei Feuerwachen der Alarmgong tönt, muss es ganz schnell gehen. Während der Einsatzleiter in der Feuerwache 3 des Frankfurter Flughafens noch die Einzelheiten aufnimmt, das Risiko abschätzt und den Schaden eingrenzt, läuft Brandmeister Hans Kaufmann mit seinen Kollegen schon in eine der großen Garagen. Mitten auf dem Vorfeld und draußen an der Startbahn West parkt eine ganze Armada von Lösch-, Transport-, Leiter- und Rettungsfahrzeugen, die pro Jahr zu rund 4500 Einsätzen ausrücken.
Das Rückgrat der stattlichen Flotte ist der Simba 8x8 HRET, von dem der Flughafenbetreiber Fraport in Frankfurt gleich sechs und auf dem Airport Hahn noch einmal drei Fahrzeuge in permanenter Alarmbereitschaft hält. Für die letzten acht gelieferten Wagen beziffert der österreichsche Spezialhersteller Rosenbauer das Auftragsvolumen mit knapp zehn Millionen Euro. Drei Meter breit, zwölf Meter lang und fast 50 Tonnen schwer ist die S-Klasse unter den Löschfahrzeugen für Großflughäfen. Das Monstrum setzt auch beim Antrieb Maßstäbe. Denn unter dem signalrot lackierten Gfk-Gehäuse stecken zwei je 600 PS starke Achtzylinder-Turbodiesel des Baumaschinenherstellers Liebherr, die jeweils die beiden Hinter- und die beiden lenkbaren Vorderachsen antreiben. Notfalls fährt der Simba auch mit nur einem Motor, doch in der Regel sorgt eine Synchronisation dafür, dass beide Aggregate im Gleichklang laufen.
Im Normalfall startet man den Simba wie einen modernen Mittelklassewagen mit einem Knopf am Armaturenbrett. Doch wenn es wirklich hurtig gehen soll und jede Sekunde zählt, nutzt Kaufmann den Alarmstart. Noch bevor er in seine neben dem Wagen aufgehängte Einsatzkleidung springt, drückt er den großen gelben Knopf neben der Tür. Dann startet die Elektronik erst den einen und ein paar Augenblicke später den zweiten Diesel, sprengt mit Federkraft die Versorgungsleitungen ab und wirft Blaulicht und Martinshorn an. Zehn Sekunden nachdem Kaufmann die Garage betreten hat, sitzen er und seine zwei Beifahrer dann in den luftgefederten Schwingsesseln und jagen aus der Halle. Selbst die Schiebetüren schließen dabei automatisch, und jenseits der Schrittgeschwindigkeit klappen auch die Trittbretter an.
12.500 Liter Wasser und 1500 Liter Schaummittel an Bord
Zwar lässt sich der Fünfzigtonner nicht mit einem Sportwagen vergleichen. Doch gemessen an anderen Lastwagen ist der Simba so etwas wie der Porsche unter den Trucks. Schließlich schafft er es voll beladen in 21 Sekunden auf Tempo 80 und fährt wenig später mit bis zu 140 Sachen übers Flughafengelände.
Damit bringt der Wagen die Feuerwehr allerdings nicht nur vorschriftsgemäß in zwei bis drei Minuten an jeden Einsatzort auf dem Gelände. Die Spezialfahrzeuge sind auch zur Brandbekämpfung bestens gerüstet. So schleppt das Flaggschiff der Feuerwehrflotte 12.500 Liter Wasser, 1500 Liter Schaummittel und 500 Kilo Löschpulver mit sich. Während gewaltige Scheinwerfer die Szenerie taghell ausleuchten, sitzt Kaufmann in einer angenehm klimatisierten Kabine hinter der riesigen Panorama-Scheibe an einem Steuerpult, das an die Konsole eines Computerspiels erinnert. Vor ihm flimmern die Bildschirme verschiedener Video-, Rückfahr- und Infrarot-Kameras und der detaillierte Lageplan des eigens für den Flughafen entwickelten Navigationssystems.
Brandbekämpfung per Joystick
In Händen hält er zwei Joysticks, mit denen er die Löscharbeiten dirigiert. Ganz egal ob er nun den großen Kühlergrill aufklappt und den Frontwasserwerfer einsetzt oder ob er den Löscharm auf dem Dach auf bis zu 14 Meter Arbeitshöhe ausfährt: Ein Knopfdruck genügt, und schon verwandelt sich das Vorfeld in eine schaumgekrönte Seenplatte. Zwar reichen die 12.500 Liter Wasser in seinem Tank mühelos, um damit knapp 100 Badewannen zu füllen. Doch herrscht dank der 400 PS starken Pumpe auf der von einer Wärmebildkamera direkt an den Brandherd herangeführten Löschdüse ein so gewaltiger Druck in der Fontäne, dass der Tank in weniger als vier Minuten leer ist.
Bislang allerdings hat Kaufmann das nur im Training geübt. Denn auch wenn er und seine Kollegen rund um die Uhr in Alarmbereitschaft sind und hin und wieder mal ein heiß gelaufenes Fahrwerk oder ein kritisches Triebwerk kühlen müssen, sind der Feuerwehr am Flughafen Frankfurt die ganz großen Einsätze bislang erspart geblieben. Selbst den viel beschworenen Schaumteppich auf der Landebahn rollen die Brandschützer schon seit vielen Jahren nicht mehr aus, weil die Flugzeuge heute auch bei missglückten Landungen keinen solch gefährlichen Funkenflug mehr erzeugen. Dass die millionenteure Technik an Bord des Simba in solch einem Fall das Schlimmste verhindern könnte, steht für die Feuerwehrmänner am Flughafen außer Zweifel. Doch ist keiner böse, wenn er das niemals ausprobieren muss.
Quelle: Spiegel-Online von Tom Grünweg
Bilder: Rosenbauer




