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Donnerstag, 17. Januar 2019

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Wenn Kinder Opfer einer Verbrennung werden

Thermische Unfälle

Jedes Jahr erleiden viele hundert Kinder so schwere Brandverletzungen durch heiße Flüssigkeiten, Flammen oder Strom, dass sie stationär in die Klinik aufgenommen werden müssen. Bei kleineren Kindern handelt es sich in 80 % aller Fälle um Verbrühungen. Häufig geschehen diese Unfälle zu Hause, oft in Anwesenheit der Eltern oder anderer Aufsichtspersonen. Ältere Kinder verletzen sich eher beim Spielen oder Experimentieren. Leider werden viele Kinder aber auch immer wieder Opfer des Leichtsinns Erwachsener, die im Umgang mit Feuer nicht verantwortungsbewusst genug handeln oder die ihre Aufklärungspflicht Kindern gegenüber nicht ausreichend erfüllt haben, so dass die Kinder keine stabilen Verhaltensmaßregeln für den Umgang mit Feuer, Strom und Chemikalien haben.  

Thermische Unfälle bedeuten einen markanten Einschnitt in das Leben des Kindes und dessen Familie, der das gewohnte Leben und die bisher als selbstverständlich angenommene Zukunftsprognose durch körperliche und seelische Narben dauerhaft verändert. Ausdehnung, Tiefe und Lokalisation der Verbrennung, sowie die Schwere der Begleitverletzungen bestimmen das Krankheitsbild. Die Komplexität des Krankheitsverlaufes, die Schmerzen, die Vielzahl und Dauer der Behandlungsschritte sowie der langwierige und viel Geduld erfordernde Heilungsverlauf belasten und schwächen die emotionale Kraft aller Beteiligten. Großer Informationsbedarf und eine hohe Erwartungshaltung in die Möglichkeiten der Medizin sind Ausdruck des Wunsches, Gesundheit und Unversehrtheit wiederherzustellen, die durch den Unfall zerstört worden sind. Wurde der Unfall direkt oder indirekt durch einen Angehörigen verursacht, belasten Schuldgefühle die Situation und erschweren das Verstehen.

Situation im Krankenhaus

Die Verletzungen der Haut sind abhängig von der Höhe der Temperatur und der Dauer der Einwirkung. Eine Verbrennung zählt zu den folgenreichsten und schmerzhaftesten Verletzungen, die einem Menschen zustoßen kann. Bei Kindern ist die Haut dünner als bei Erwachsenen, die Heilungsfähigkeit eher besser, allerdings muss bei Kindern in den allermeisten Fällen mit stark überschießender Narbenbildung gerechnet werden. Im Krankenhaus befinden sich die Eltern durch Schwere und Ausmaß des Unfalls im Schock. Abwehrmechanismen führen zu Aggressivität, die Komplexität und Langwierigkeit des Heilungsverlaufes zu Verwirrung und Desorientierung. Da die Haut als Kontakt‑ und Sinnesorgan von Geburt an wichtige zwischenmenschliche Funktionen übernimmt, sind an der Verarbeitung eines thermischen Unfalls die Eltern in hohem Maß angesprochen. Von ihnen als Erziehungsberechtigten und Verantwortlichen hängt die Qualität der Rehabilitation und Regeneration des Kindes ab.  

Probleme der Rehabilitation

Die eigentliche psychosoziale Problematik des brandverletzten Kindes und seiner Eltern beginnt in vollem Umfang erst mit der Entlassung. Dann endet die Geborgenheit und Sicherheit des Krankenhauses und die Unfallfolgen machen sich in jedem Bereich des Lebens bemerkbar. Eltern und Kind müssen sich mit den täglichen Pflichten der Rehabilitation, der Narbenpflege sowie der seelischen Verarbeitung des Unfalls auseinandersetzen. Die anstrengenden Rehabilitationstherapien fordern ein hohes Maß an Disziplin und Umsicht, ein gut durchdachtes Rehabilitationskonzept ein fundiertes Wissen über die anstehenden Notwendigkeiten.

Der entscheidende Schritt zur Reduktion der Narbenbildung beginnt mit dem Anmessen der Kompressionsbandagen und der damit verbundenen Schwierigkeiten. Viele Bereiche des Körpers sind gerade bei kleineren Kindern kompliziert zu versorgen, so dass Bandagisten, sowohl in der Klinik als auch am Heimatort, Einfühlungsvermögen und Kreativität brauchen, um bestmögliche Lösungen zu finden. Die Unsicherheit der Eltern bei der Beurteilung der Passform einer Bandage führt zur Reduktion der täglichen Tragezeit und schadet somit dem Kind. Die Empfehlung von Sanitätshäusern mit erfahrenen Bandagisten beugt schlechter Versorgung vor.  

Auf brandverletzter oder transplantierter Haut und auf der Haut der Entnahmestellen zeigen sich in der ersten Zeit viele Irritationen: Infektionen, Spannungsblasen, Pickel, Mitesser, Pilze, offene Stellen, Trockenheit, etc.. Bei Infektionen muss die Haut einem Arzt, der Erfahrung mit Verbrennungsnarben hat, zur weiteren Behandlung gezeigt werden. Zu Hause werden die Kinder auch wieder Infektionskrankheiten ausgesetzt. Vorsorglich sollten entsprechende Verhaltensregeln für die sich an der Haut manifestierenden Krankheiten, z.B. Windpocken, Röteln, bereits in der Klinik aufgestellt werden.

Die Bedeutung der Krankengymnastik und Ergotherapie für die Erhaltung von Funktionen ist nach thermischen Verletzungen essentiell. Beim Trainieren muss die Schmerzgrenze teilweise überschritten werden, um Funktionsverluste wiederzuerlangen.

Psychische Folgen

Jedes Kind, das einen thermischen Unfall erlitten hat, neigt zu einer veränderten Verhaltensweise, um die vergangenen Schrecken aufzuarbeiten. Kleinere Kinder zeigen oft Regressionssymptome, sie klammern sich an die Bezugsperson, haben Alpträume oder nässen ein. Ältere reagieren eher mit Unruhe oder überreagieren in anderen Bereichen. Eltern, die sich der Situation bewusst sind, können ihrem Kind eine suffiziente familiäre, emotionale und soziale Unterstützung geben.  

Auch Geschwister sind von dem Unfall betroffen. Sie leiden unter dem Schock, der Angst um das verunfallte Kind, der Abwesenheit der Eltern und deren nervlicher Anspannung, sowie der Versorgung durch andere Betreuer. Wenn das verletzte Kind nach Hause entlassen wird, besteht der Anspruch auf das gewohnte Leben in seiner Normalität. Die Enttäuschung beeinträchtigt die innerfamiliären Beziehungen, wenn sich durch die Anforderungen der Rehabilitation der Alltag zu kompliziert gestaltet, um wie vorher miteinander umzugehen. Es erfordert viel Subtilität und gute Führung seitens der Eltern, um allen Kindern gerecht zu werden und auch die gesunden auf eine dauerhaft veränderte Situation einzustimmen.

Die Reaktionen der unmittelbaren Umgebung auf die Narben reicht von freundlichem Interesse über blanke Neugier bis hin zur feindseligen Ablehnung. Mitleidige Gesten, unverhohlene Kritik oder selbstbewusstes Belehren über den Umgang mit Unfallursachen zerren je nach Verfassung an den Nerven.

Geduld, Realismus und Selbstverantwortlichkeit von Eltern und Kind sind für eine gute Prognose unabdingbar. Übersteigerte, ungeduldige Erwartungen an die positive Entwicklung der Narben, mangelnde oder eingeschränkte Rehabilitationsbeteiligung, Aggression, Resignation oder Passivität wirken sich ungünstig auf alle Bereiche der Rehabilitation und der Unfallverarbeitung aus. Besonders problematisch gestaltet sich die Entwicklung, wenn sich die Eltern oder das Kind von einer Verbesserung der Narbensituation durch Korrekturoperationen oder alternative Therapien eine fundamentale Lebenswende oder eine Kompensation bisheriger Probleme versprechen. (Dr. M. Dorfmüller). Dann kann die Vorstellung einer "restitutio ad integrum" dominant werden und den objektiven Handlungsbedarf überlagern.

Dem Kind muss durch sein direktes Umfeld, seien es Eltern, Geschwister oder Freunde die Gewissheit gegeben werden, dass es auch mit Narben wie früher akzeptiert und verstanden wird. Nur durch die emotionale Akzeptanz des Geschehenen kann mit den seelischen und körperlichen Unfallfolgen so optimal wie möglich umgegangen werden.

Prognostische Orientierung

Der Wunsch nach einer Verbesserung der Narbensituation ist bei allen Beteiligten vorhanden. Aus chirurgischer Sicht steht die funktionelle, aus Sicht der Eltern langfristig mehr die ästhetische Verbesserung im Vordergrund. Funktionelle Einschränkungen durch Narben ergeben meist einen eindeutigen Handlungsbedarf. Wenn ästhetische Aspekte Grund für den Wunsch einer Operation sind, ist die Entscheidung nicht ganz so eindeutig. Zeitpunkt und Umfang einer plastischen OP sind unter vielen Gesichtspunkten zu erwägen. Mögliche Korrekturen müssen mit allen Vor- und Nachteilen für das Kind, sowie allen Unwägbarkeiten geschildert und für Eltern beurteilbar dargestellt werden. 

Wenn die Entscheidung gegen eine Operation ausgefallen ist, kann die Verbesserung des Befindens mit den Narben auch auf andere Arten angegangen werden. Eine gute Farb- und Stilberatung sowie das Erlernen der Camouflage-Schminktechnik hilft gerade pubertierenden Kindern, sich mit ihrem veränderten Körperbild anzufreunden.

Konsequenzen

Die Haltung der Eltern beeinflusst die Entwicklung und Lebensqualität des Kindes entscheidend und kann dem Kind trotz des Unfalls eine gute Zukunftsprognose ermöglichen. Das aber setzt die Akzeptanz des Geschehenen voraus. Die eigene Trauer mit dem Kind zu teilen, die Trauer des Kindes anzunehmen und seine Fragen zu beantworten, ist ein Weg, dem Kind zu helfen, einen Bezug zu dem Unfall und seinen Ursachen aufzubauen.  

Niemand kann Unfälle aus seinem Leben ausschließen, oder sich durch die eigene Präsenz und Persönlichkeit davor geschützt fühlen. Das Risiko zu leben obwohl täglich Unfälle geschehen, ist ein Teil bejahenden Lebens. Doch die Verantwortung zu kennen, mit dem Element Feuer sorgsam umzugehen und Mitmenschen wie auch Kinder den Umgang damit zu lehren sollte sich jeder zur Pflicht machen.

Text mit freundlicher Unterstützung von Paulinchen e.V.

 

Mo. 25.07.2011 14:08 Uhr Alter: 7 Jahre